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Steuert Baden-Württemberg in Richtung Rezession?

Der L-Bank-ifo-Konjunkturtest zeigt: Der Pessimismus der Unternehmen in Baden-Württemberg hat im ersten Quartal weiter zugenommen | „Aber nicht alles ist düster“, sagt Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank, im Interview.

Karlsruhe, 12. April 2019. Die ersten drei Monate des Jahres 2019 waren aus politischer und konjunktureller Sicht stark von den zahlreichen Wendungen rund um den bevorstehenden Brexit geprägt. In diesem Umfeld hat sich die Stimmungseintrübung unter den baden-württembergischen Unternehmen weiter fortgesetzt. In der L-Bank-ifo-Konjunkturumfrage äußerten sich die Unternehmen pessimistisch zu ihren Geschäftserwartungen für die kommenden Monate. Der entsprechende Indexwert ging von +3 Punkten zum Jahresende auf -11 deutlich zurück. Die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage hat sich zwar ebenfalls verschlechtert, liegt jedoch mit 39 Indexpunkten weiter auf einem hohen Niveau. In Summe ging das baden-württembergische Geschäftsklima im ersten Quartal von 24 auf 13 Indexpunkte zurück, hat sich also fast halbiert.

Frage: Herr Dr. Nawrath, die Stimmung der Unternehmen im Südwesten hat sich seit dem Jahresbeginn weiter verschlechtert. Zudem haben zahlreiche Ökonomen und Institute ihre Wachstumsprognosen für Deutschland zuletzt recht deutlich gesenkt. Steuern wir also unaufhaltsam auf eine Rezession zu?

Antwort: Richtig ist, dass die Stimmungswerte in unseren Umfragen im März auf den tiefsten Stand seit Anfang 2016 gefallen sind. Die Skepsis der Unternehmen im Südwesten nimmt also zu. Das ist angesichts des risikobehafteten Umfelds und der schlechteren Konjunkturprognosen auch nicht verwunderlich. Die Unsicherheit auf dem geopolitischen Terrain ist einfach schon viel zu lange viel zu groß. Man darf jedoch nicht außer Acht lassen, dass die Unternehmen ihre aktuelle Situation weiterhin sehr positiv einschätzen. Wir kommen also von einem außerordentlich hohen Niveau, aus einer langen, sehr starken Phase für die Unternehmen im Land. Immerhin sprechen wir in Baden-Württemberg im Jahr 2018 von einem noch ordentlichen Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent.

Frage: Das bedeutet also, die Wachstumsprognosen der Experten sollten gerade für den Südwesten differenziert betrachtet werden?

Antwort: Ja. Dazu kommt, dass die öffentliche Berichterstattung natürlich stark von den großen DAX-Unternehmen dominiert wird, weil diese mit ihren hohen Auslandsanteilen und ihrer Konzentration auf den Automobilsektor ganz besonders betroffen sind. Aber als Spiegelbild der Gesamtwirtschaft eignen sie sich nur bedingt. Die Wirtschaft in Deutschland und Baden-Württemberg wird zu weiten Teilen vom Mittelstand getragen. Der heimische Mittelstand ist zwar ebenfalls sehr exportstark, zugleich aber jedoch auch sehr stark auf den Binnenmarkt konzentriert und die Betriebe können in konjunkturell schlechteren Zeiten flexibler reagieren.

Frage: Also gibt es auch Faktoren, die Anlass zum Optimismus geben?

Antwort: Die baden-württembergische Wirtschaft ist trotz der vorhandenen Fokussierung auf den Automobilsektor sehr vielfältig und breit aufgestellt. Aktuelle Zahlen zeigen, dass die Umsätze und Gewinne der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland 2018 wieder kräftig gestiegen sind. Und anders als in der Vergangenheit sind die Bilanzen kerngesund. Die Unternehmen können dementsprechend investieren und sind für Krisen besser gewappnet. Ein weiteres positives Signal ist, dass die Kreditvergabe an Unternehmen und Privatpersonen zuletzt europaweit wieder merklich zugelegt hat. Man sollte die Dinge also differenzierter betrachten und nicht allzu sehr in Untergangsstimmung verfallen.

Frage: Könnte ein ungeordneter Brexit, der ja nach aktuellem Stand immer noch im Bereich des Möglichen liegt, für eine weitere konjunkturelle Eintrübung sorgen?

Antwort: Großbritannien ist für Baden-Württemberg einer der wichtigsten Handels- und Kooperationspartner und mit einem Exportvolumen von knapp 10 Milliarden Euro auf Platz 6 der Exportrangliste der Unternehmen hier in Baden-Württemberg. Es überrascht also nicht, dass die baden-württembergischen Unternehmen mit großer Aufmerksamkeit darauf schauen. Aber noch sind wir nicht soweit. Ich glaube, auch in der Politik ist die Idee, einen geregelten Brexit hinzukriegen, noch sehr stark verankert. Und deswegen bin ich trotz der aktuellen Turbulenzen in der politischen Diskussion in Großbritannien immer noch optimistisch, dass wir einen geordneten Brexit erreichen werden.

Frage: Wirkt sich die konjunkturelle Eintrübung auch auf die Stimmung im Baugewerbe aus?

Antwort: Bisher setzt sich der Boom in der Branche fort: Das Statistische Landesamt hat für Januar dieses Jahres erneut Umsatz- und Beschäftigungszuwächse in Baden-Württemberg vermeldet. Und in der L-Bank-ifo-Konjunkturumfrage ist das Geschäftsklima im Bauhauptgewerbe zwar leicht zurückgegangen, befindet sich mit 25 Punkten jedoch immer noch auf einem sehr hohen Niveau. Ich glaube nicht, dass ein unmittelbares Ende des Booms in Sicht ist. Klar ist aber auch, dass die Bauunternehmen irgendwann an ihre Grenzen stoßen werden – das ist aber nicht konjunkturell- oder nachfragebedingt, sondern angebotsseitig bestimmt. Sie haben einfach eine Kapazitätsauslastung, die viel mehr Bauen gar nicht zulässt.

Frage: Welche Rolle spielt die Stimmung der Verbraucher?

Antwort: Ich glaube, die Konjunktur wird weiterhin getragen von einer Konsumfreude der Konsumenten. Die Reallöhne sind deutschlandweit um 1,3 Prozent gestiegen und die Zahl der Erwerbstätigen wächst weiter. Dementsprechend ist auch das Anschaffungsklima in unserer Verbraucherumfrage zuletzt wieder kontinuierlich gestiegen. Es spricht also einiges dafür, dass auf absehbare Zeit die privaten Konsumausgaben hoch sein werden.

Hintergrund

Für den L-Bank-ifo-Konjunkturbericht werden monatlich über 1.200 Unternehmen zu ihrer Einschätzung der aktuellen Geschäftslage sowie ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate befragt. An der L-Bank-GfK-Verbraucherumfrage zur Ermittlung des Preis-, Konjunktur-, Einkommens- und Anschaffungsklimas beteiligen sich in der Regel rund 300 Privatpersonen.