Chronische Unsicherheit auf den Weltmärkten erfasst Konjunktur im Südwesten

Der L-Bank-ifo-Konjunkturtest zeigt: Auch bei sommerlicher Hitze ist kein Ende der konjunkturellen Abkühlung in Baden-Württemberg in Sicht. | „Gerade in Zeiten der konjunkturellen Eintrübung sind wir als Förderbank des Landes gefordert, in langen Linien zu denken und die qualitativen Aspekte des Wachstums im Blick zu haben“, sagt Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank, im Interview.

Karlsruhe, 6. Juli 2019. Im Verlauf des ersten Halbjahres 2019 hat sich die Stimmung der baden-württembergischen Unternehmen kontinuierlich verschlechtert. In der L-Bank-ifoInstitut für Wirtschaftsforschung-Konjunkturumfrage ging der Geschäftsklimaindex von 24 Punkten zum Jahresende 2018 auf nunmehr sieben Punkte zurück. Mit Skepsis blicken die Betriebe insbesondere auf die Entwicklung in den kommenden Monaten. So liegen die Geschäftserwartungen zum Ende des Halbjahres klar im negativen Bereich. Die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage ist in den letzten Monaten ebenfalls deutlich zurückgegangen, liegt jedoch noch auf einem recht hohen Niveau.

Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank, über die Lage und die Aussichten der baden-württembergischen Wirtschaft:

Frage: Herr Dr. Nawrath, seit Monaten befinden sich die Stimmungswerte der Unternehmen im Land im Sinkflug, inzwischen liegt das Geschäftsklima auf dem tiefsten Stand seit Ende 2012. Worauf führen Sie diesen lang anhaltenden Abwärtstrend zurück?

Antwort: Ich glaube, die konjunkturelle Lage wird zunehmend nicht nur von außenpolitischen Faktoren beeinflusst, sondern auch von den Unsicherheiten, die wir gerade hier in Baden-Württemberg in Bezug auf die Mobilität der Zukunft haben. Das sind Strukturprobleme, die sich langsam in den Managemententscheidungen der davon betroffenen Firmen auswirken. Ich glaube, das setzt sich jetzt in den Köpfen und damit auch in der Stimmung fest. Hinzu kommt, dass die Exportgeschäfte der Südwestunternehmen ganz besonders unter den globalen Handelskonflikten leiden. Aber auch die inländischen Auftragseingänge scheinen etwas zurückhaltender zu werden. In Summe haben wir im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen deutlichen Rückgang der Nachfrage.

Frage: Gibt es auch Punkte, die Hoffnung auf eine Trendwende machen?

Antwort: Insgesamt wird das Wachstum im Moment noch von einer sehr robusten Binnenwirtschaft getragen. Vor allem die privaten Verbraucher stützen derzeit die Wirtschaft. Wir beobachten nach wie vor ein Wachstum der Reallöhne, was den Privatkonsum anregt. Auch die Bauindustrie boomt weiterhin kräftig. Es ist jedoch auf lange Sicht fraglich, ob ein Übergreifen des Abschwungs in der Industrie auf den Rest der Volkswirtschaft vermieden werden kann.

Frage: Welche Trends waren im ersten Halbjahr bei der Stimmungslage der Verbraucher zu beobachten?

Antwort: Auch bei den baden-württembergischen Privathaushalten spiegelt sich der aktuell negative Stimmungstrend wider. Im Moment schlägt dies jedoch noch nicht erkennbar auf die Realwirtschaft durch. Aber es ist zu befürchten, dass bei der Planung von größeren Anschaffungen die Zurückhaltung zunehmen wird. In unseren Umfragen ist das Anschaffungsklima bereits auf dem tiefsten Stand seit drei Jahren – trotz der großen Zufriedenheit mit den Einkommenssituationen, die die Menschen noch immer haben.

Frage: Wenn wir den Blick etwas weiter in die Zukunft richten: Welche Trends gibt es für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland?

Antwort: Zukunftsprognosen für konjunkturelle Entwicklungen sind immer ein bisschen Kaffeesatzleserei. Wir haben das in den letzten Jahren gesehen. Das ist keine Kritik an denen, die das tun, sondern es zeigt nur die Schwierigkeiten, mit allen möglichen Unwägbarkeiten umzugehen. Im Moment ist die Auffassung bei vielen Experten so, dass wir in den nächsten 15 Jahren ein Wachstum von etwas unter einem Prozent haben werden. Das ist weniger, als wir in den letzten Jahren hatten. Auch weniger, als wir uns erhofft haben. Man wird schauen müssen, ob die Erwartungen, die man an Wachstumszahlen knüpft, die richtigen sind. Aber nicht nur quantitatives Wachstum zählt. Wichtig ist letztlich die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen, also die Qualität des Wachstums. Da sind wir als Förderbank des Landes gefordert, in langen Linien zu denken und die baden-württembergische Wirtschaft bei den gewaltigen Herausforderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte nachhaltig zu unterstützen.

Hintergrund

Für den L-Bank-ifo-Konjunkturbericht werden monatlich über 1.200 Unternehmen zu ihrer Einschätzung der aktuellen Geschäftslage sowie ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate befragt. An der L-Bank-GfK-Verbraucherumfrage zur Ermittlung des Preis-, Konjunktur-, Einkommens- und Anschaffungsklimas beteiligen sich in der Regel rund 300 Privatpersonen.