Karlsruhe, 09.01.2026. Das Jahr 2025 war für die baden-württembergische Wirtschaft von großen Unsicherheiten und schwacher Dynamik geprägt. Trotz einer leichten Aufhellung im Schlussquartal bleiben die baden-württembergischen Unternehmen weiterhin deutlich von einer Aufbruchstimmung entfernt. Der L-Bank-ifo-Geschäftsklimaindex liegt zum Jahreswechsel bei -12 Punkten und auch die Geschäftserwartungen für das erste Halbjahr 2026 fallen überwiegend pessimistisch aus. Edith Weymayr, Vorstandsvorsitzende der L-Bank, ordnet im Gespräch die konjunkturelle Lage zum Jahreswechsel ein.
Frage: Frau Weymayr, im Jahr 2025 lag der L-Bank-ifo-Geschäftsklimaindex durchgehend im zweistelligen negativen Bereich. Wie fallen angesichts dieser schwierigen Ausgangslage die Prognosen für das neue Jahr aus?
Antwort: Die Stimmungslage der Unternehmen in Baden-Württemberg ist tatsächlich seit geraumer Zeit sehr angespannt und macht wenig Hoffnung auf eine spürbare konjunkturelle Dynamik. Vor diesem Hintergrund ist auch für das neue Jahr kein breit angelegter, selbsttragender Aufschwung zu erwarten. Neue Impulse könnten im Jahresverlauf 2026 aber - zumindest in Teilbereichen der Wirtschaft - durch die geplanten staatlichen Investitionen und Entlastungsmaßnahmen entstehen. Insgesamt rechnen die meisten Forschungsinstitute für Deutschland in diesem Jahr mit einem moderaten Wirtschaftswachstum von rund einem Prozent. In dieser Größenordnung dürfte sich auch die Entwicklung in Baden-Württemberg bewegen.
Frage: Die Stimmung in der Industrie hat sich im Schlussquartal verbessert. Handelt es sich dabei um den Beginn einer Entspannung – oder bleibt die Lage trotz allem kritisch?
Antwort: Zunächst ist es natürlich ein positives Signal, dass die baden-württembergischen Industriebetriebe zum Jahreswechsel etwas weniger pessimistisch sind als noch im Spätsommer. Gleichzeitig dürfen wir diese Entwicklung auch nicht überbewerten. Das Geschäftsklima ist trotz der Verbesserung weiterhin düster und auch die realwirtschaftlichen Daten zeichnen ein schwieriges Bild: So haben sich die Umsätze in der Industrie laut Statistischem Landesamt im Jahr 2025 rückläufig entwickelt. Hinzu kommt, dass viele Industriebetriebe tendenziell weiter Personal abbauen möchten. Von einer echten Entspannung kann also noch keine Rede sein – eher von einer vorsichtigen Stabilisierung auf niedrigem Niveau.
Frage: Baden-Württemberg lebt in besonderem Maße vom Export. Wie stellt sich die Lage im Auslandsgeschäft zum Jahreswechsel dar?
Antwort: Der Außenhandel entwickelt sich derzeit nur sehr verhalten. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes lag das baden-württembergische Exportvolumen von Januar bis September 2025 lediglich um 0,1 Prozent über dem Vorjahresniveau. Besonders belastend für Baden-Württemberg sind die kräftigen Rückgänge in zentralen Absatzmärkten: Die Exporte in die USA und nach China gingen zuletzt um 16 beziehungsweise 11 Prozent zurück.
Frage: Woran liegt diese Schwäche – und was müsste sich ändern, damit der Export wieder zum Wachstumstreiber wird?
Antwort: Zum einen hat Deutschland insgesamt, aber auch Baden-Württemberg, in den vergangenen Jahren an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Hohe Kosten und strukturelle Standortnachteile belasten die internationale Position vieler Unternehmen. Zum anderen erschweren geopolitische Entwicklungen – etwa die protektionistische Zollpolitik der USA – die Planbarkeit im Auslandsgeschäft. Damit der Export wieder stärker an Fahrt gewinnt, braucht es neben einer Belebung der Weltkonjunktur vor allem verlässliche Rahmenbedingungen und spürbare Fortschritte bei der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit am Standort. Die baden-württembergischen Industriebetriebe äußern sich zum Jahreswechsel in der L-Bank-ifo-Konjunkturumfrage immerhin vorsichtig optimistisch, was die Entwicklung ihrer Exportgeschäfte in den kommenden Monaten betrifft.
Frage: Lange Zeit galt der Arbeitsmarkt gerade in Baden-Württemberg als Stabilitätsanker. Im vergangenen Jahr ist die Arbeitslosigkeit jedoch spürbar gestiegen. Wir ordnen Sie diese Entwicklung ein?
Antwort: Die Arbeitslosenquote liegt in Baden-Württemberg zwar weiterhin auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau, ist aber von durchschnittlich 4,2 Prozent im Jahr 2024 auf 4,6 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Gerade in einer ohnehin schwachen konjunkturellen Phase wird diese Entwicklung von vielen Menschen als Signal erhöhter Unsicherheit wahrgenommen.
Frage: Welche Folgen hat diese wachsende Unsicherheit für das Verhalten der privaten Haushalte und damit für die konjunkturelle Dynamik?
Antwort: Die gestiegene Arbeitslosigkeit trägt dazu bei, dass viele Haushalte vorsichtiger planen und größere Anschaffungen zurückstellen. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen unserer L-Bank-GfK-Verbraucherumfrage wider: Sowohl das Konjunktur- als auch das Anschaffungsklima liegen seit geraumer Zeit im zweistelligen negativen Bereich. Für das kommende Jahr ist angesichts des erwarteten moderaten Wirtschaftswachstums zwar kein weiterer nennenswerter Anstieg der Arbeitslosenquote zu erwarten. Entscheidend wird jedoch sein, ob dies ausreicht, um das Vertrauen der Verbraucher wieder zu stärken und dem privaten Konsum neuen Auftrieb zu geben.