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Kaiser-Sitzmöbel: Übernahme im Land von „der, die und das“

1968 ereigneten sich in Frankreich und Deutschland zwei Dinge, von denen niemand geahnt hätte, dass sie in irgendeinem Zusammenhang stehen: Florent Baudouin wurde nahe der Atlantikküste geboren und wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. Und Helmut Kaiser gründete im baden-württembergischen Wendlingen seinen Betrieb Kaiser Sitzmöbel und realisierte seine Gründungsidee: die Herstellung von Stapelstühlen und Klapptischen im Objektmöbel-Bereich.

 

Die Verbindung entstand 2017, als Florent Baudouin Kaiser Sitzmöbel übernahm. „An der Gründungsidee hat sich im Prinzip bis heute nicht viel geändert“, erläutert er die Entwicklung des Unternehmens. Denn die Kunden sind aus gutem Grund traditionell: „Wer als Verein, Institut oder Kommune bei uns bestellt, investiert hier für die nächsten 20 bis 30 Jahre.“ So lange nämlich halten die Möbel, die zum Beispiel bei Veranstaltungen in Mehrzweckhallen, in Konferenzräumen oder in Mensen zum Einsatz kommen.

Wie aber haben Florent Baudouin und Kaiser Sitzmöbel zusammengefunden? Ihn selbst habe Deutschland schon immer interessiert, auch wenn die Sprache mit den berüchtigten Artikeln "der-die-das" so seine Tücken habe, erklärt Baudouin. Und so wagte er nach einem betriebswirtschaftlichen Studium in jungen Jahren den Sprung nach Deutschland, lernte den Südwesten kennen und lieben und arbeitete mehr als 20 Jahre in verschiedenen Branchen als Angestellter mit Führungsaufgaben im Vertrieb. In dieser Zeit gedieh auch Kaiser Sitzmöbel zu einem etablierten Unternehmen und wurde 2001 an einen Nachfolger übergeben.

Dieser wiederum suchte ab 2013 Interessenten für eine Übernahme, was sich schwierig gestaltete. „Der Fachkräftemangel ist eine große Herausforderung für viele Unternehmer, die ihren Betrieb übergeben möchten“, so Baudouin. Ihn selbst hatte in dieser Zeit ein Wechsel des Arbeitgebers nachdenklich gemacht: Vielleicht wäre auch er ein guter Unternehmer? Ihn lockte der Gestaltungsspielraum, den man als Angestellter nur eingeschränkt hat. Und so kreuzten sich die "Lebenslinien" von Florent Baudouin und Kaiser Sitzmöbel zum ersten Mal. „Aber bis daraus eine Erfolgsgeschichte wurde“, schmunzelt der heute 50-Jährige, „brauchte es viel Geduld.“

Mehr als vier Jahre dauerten die Verhandlungen, wurden abgebrochen und wieder aufgenommen, bis man sich schließlich einigte. „Natürlich gibt es Kennzahlen, die anzeigen, wie viel ein Unternehmen wert sein könnte“, erläutert Baudouin. „Doch letztlich ist alles Verhandlungssache.“ Und eine Frage der professionellen Beratung, bei der Baudouin unter anderem auf die Hilfe des RKWs in Stuttgart zählen konnte.

Auch ums Kapital musste er sich kümmern: „Zum Glück hatte ich mit dem L-Bank-Programm Gründungsfinanzierung eine gute und flexible Möglichkeit, die Übernahme zu finanzieren.“ Über die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen erfuhr er, dass die L-Bank über das Förderprogramm nicht nur Neugründungen, sondern auch Übernahmen fördert. „Ich finde das sehr wichtig“, so Baudouin. „Viele kleine, mit Fleiß und Können aufgebaute Unternehmen suchen einen Nachfolger – das muss unterstützt werden.“ Er beantragte bei der L-Bank ein Förderdarlehen, mit dem ein großer Teil des Finanzierungsbedarfs gedeckt werden konnte. „Und natürlich habe ich alles, was ich selbst zur Verfügung hatte, ins Unternehmen gesteckt.“ Ein Gedanke, der gewöhnungsbedürftig war: „Da muss man auch dann ruhig bleiben, wenn das Bankkonto mal wieder Jo-Jo spielt.“

Drei Monate lang arbeitete Baudouin vor der Übernahme bei Kaiser Sitzmöbel mit, um den Betrieb von Grund auf kennenzulernen. Er selbst hatte viele neue Ideen, merkte aber bald: „Das wichtigste ist zunächst, das Tagesgeschäft kennenzulernen und am Laufen zu halten.“ Denn jeder, der einen gesunden Betrieb wie Kaiser Sitzmöbel mit seinen 14 Mitarbeitern übernimmt, tut gut daran, sich in Ruhe einzuarbeiten – da ist sich Baudouin sicher. „Schließlich haben der vorherige Eigentümer und die erfahrenen Mitarbeiter die vergangenen Jahre effizient gestaltet. Warum sollte man das alles komplett in Frage stellen?“

Dafür lernte er die Arbeit in der Produktion kennen, leimte und schraubte selbst an Stühlen und Tischen und entwickelte ein ganzheitliches Gespür für sein Unternehmen. „Es nützt nichts, wenn man gute Ideen für Marketing und Vertrieb umsetzt und anschließend feststellt, dass man die Bestellungen aus Kapazitätsgründen gar nicht leisten kann“, konstatiert Baudouin nüchtern. Zudem sind in den letzten Jahren einige erfahrene Mitarbeiter in den Ruhestand gegangen. „Gute Kräfte zu finden, einzuarbeiten und ins Team zu integrieren, ist eine existenzielle Führungsaufgabe“.

Nach mehr als zwei Jahren seit der Übernahme fühlt sich Baudouin jetzt gerüstet, neue Ideen umzusetzen. Dazu gehören unter anderem eine Modernisierung des Warenwirtschaftssystems und neue Produktlinien. „Wobei es unsere Klientel schon sehr schätzt, dass man einen Stuhl auch nach 15 oder 20 Jahren nachbestellen kann“, meint der Inhaber und Geschäftsführer augenzwinkernd.

Gefragt, welche Eigenschaften jemand mitbringen sollte, der eine Firma übernimmt, muss er nicht lange nachdenken. Eine gewisse Reife könne nicht schaden, fällt ihm als erstes ein. Bodenständig ist ein Wort, das für ihn seinen eigenen Charakter am besten beschreibt. „Ich spreche zwar mit französischem Akzent. Aber ich bin hier mit meiner Familie verwurzelt und wohne ganz in der Nähe.“