Konjunktur-Interview

Krieg in der Ukraine bedeutet weitere Zäsur für die Südwestunternehmen

Konjunkturelle Rahmenbedingungen verändern sich fundamental – Sanktionen, Lieferengpässe und Preissteigerungen beeinträchtigen vor allem die Industrie.

Die Geschäftserwartungen für die kommenden Monate sind eingebrochen – die aktuelle Geschäftslage wird hingegen noch weitestgehend positiv beurteilt. Die Auswirkungen des Krieges und der Sanktionen sind bei einem Großteil der Unternehmen noch gar nicht vollständig angekommen. Der Krieg und seine Folgen werden uns auch aus konjunktureller Sicht wahrscheinlich leider noch lange beschäftigen, bewertet Edith Weymayr, Vorsitzende des Vorstands der L‑Bank, die gegenwärtige Lage.

 

Karlsruhe, 16.04.2022. Der Krieg in der Ukraine hat im März zum stärksten konjunkturellen Stimmungseinbruch in Baden-Württemberg seit dem Beginn der Corona-Pandemie vor zwei Jahren geführt. In der
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BankifoInstitut für WirtschaftsforschungKonjunkturumfrage trübte sich das Geschäftsklima deutlich von 19 Punkten im Vormonat auf 4 Punkte ein. Die Ursache hierfür war eine drastische Verschlechterung der Geschäftserwartungen für die kommenden Monate. Die aktuell noch sehr positive Lageeinschätzung (28 Punkte) dürfte in näherer Zukunft ebenfalls unter Druck geraten, sobald sich die konkreten Kriegsfolgen für die Unternehmen abzeichnen. 

Frage: Frau Weymayr, die Folgen des Kriegsausbruchs in der Ukraine treffen auch die Unternehmen in Baden-Württemberg wirtschaftlich hart. Sind alle Wirtschaftssektoren gleichermaßen betroffen oder gibt es Unterschiede?

Antwort: Den diversen Schockwellen, die der Krieg bislang schon ausgelöst hat, kann sich im Grunde kein Wirtschaftsbereich vollständig entziehen. Wir beobachten daher tatsächlich über alle Sektoren hinweg eine deutliche Verschlechterung. 

Am stärksten fällt der Rückgang des Geschäftsklimas in der Industrie und im Großhandel aus. Dies dürfte zum einen mit der direkten Abhängigkeit von den Rohstoffpreisen und den gestörten Lieferketten zusammenhängen; zum anderen beeinträchtigen auch die wegfallenden Exportmöglichkeiten die Stimmung der Unternehmen. 

Im Dienstleistungssektor ist die Stimmungslage noch ein wenig freundlicher: In einigen Branchen dürften sich hier gelockerte oder aufgehobene Corona-Maßnahmen positiv auswirken.

Frage: Kann man den aktuellen Stimmungseinbruch mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 vergleichen?

Antwort: Ein wesentliches Merkmal des aktuellen Einbruchs besteht darin, dass bislang vor allem die Geschäftserwartungen für die kommenden Monate eingebrochen sind – die aktuelle Geschäftslage wird hingegen noch weitestgehend positiv beurteilt. Daran sehen wir, dass die Auswirkungen des Krieges und der Sanktionen bei einem Großteil der Unternehmen noch gar nicht vollständig angekommen sind.

Im Frühjahr 2020 brachen hingegen beide Komponenten des Geschäftsklimas sofort und ziemlich drastisch ein. Sie erholten sich aber in den folgenden Monaten fast ebenso schnell wieder. Ein solches sogenanntes V-Szenario ist in der aktuellen Situation eher unwahrscheinlich. Der Krieg und seine Folgen werden uns auch aus konjunktureller Sicht wahrscheinlich leider noch lange beschäftigen.

Frage: Wir alle spüren die Auswirkungen des Krieges. Nicht nur durch die zahlreichen Flüchtenden, die bereits in Deutschland angekommen sind, sondern auch in Form von Preissteigerungen und teilweise leeren Supermarktregalen. Spiegelt sich das auch bereits in der Stimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher wider?

Antwort: Tatsächlich hat sich die Stimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher in Baden-Württemberg im März auf breiter Front verschlechtert. In unserer LBankGfKGesellschaft für KonsumforschungVerbraucherumfrage verzeichnen insbesondere das Konjunktur- und das Anschaffungsklima deutliche Einbußen und liegen jeweils im negativen Bereich. Gleichzeitig ist das Preisklima – also die subjektive Inflationswahrnehmung – mit 68 Punkten auf den höchsten Stand seit Beginn der Datenerhebung vor über 30 Jahren gestiegen. Es ist also zu befürchten, dass die Konsumkraft der Privathaushalte in diesem Jahr deutlich geringer ausfällt als noch vor einigen Monaten prognostiziert.

Frage: Sie haben das Stichwort Inflation in den Raum geworfen. Wie sehen Sie diesbezüglich die weitere Entwicklung?

Antwort: Im März lagen die Verbraucherpreise im Südwesten bereits um 6,3 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreswert. Damit hat die Inflationsrate in Baden-Württemberg ein Niveau erreicht, das letztmalig in den 1970er und 80er Jahren zu beobachten war. Die Preise für Heizöl haben sich im Vergleich zum März 2021 sogar fast verdoppelt. Auch für den weiteren Jahresverlauf ist mit sehr hohen Inflationsraten zu rechnen.

Sowohl der Krieg in der Ukraine als auch die rigide Corona-Politik in China sorgen für Engpässe und erhöhen den Preisdruck noch zusätzlich. Auch unsere aktuellen Umfrageergebnisse lassen weitere Preisanstiege befürchten. So liegen die Preiserwartungen für Industriebetriebe im Land derzeit mit 72 Punkten auf einem historischen Höchststand. Wir gehen davon aus, dass die Unternehmen versuchen werden, ihre gestiegenen Kosten in den kommenden Monaten dann noch stärker an die Verbraucher weiterzugeben.

Frage: Keine guten Aussichten aus Verbrauchersicht also. Wie ist die Situation auf den Wohnungsmärkten? Ist hier auch mit weiteren Preisanstiegen zu rechnen?

Antwort: Im Moment gibt es wenig, was kurz- und mittelfristig für sinkende Immobilienpreise spricht. Die befragten Wohnungsunternehmen rechnen überwiegend mit weiter steigenden Baupreisen in den kommenden Monaten. Auch die Nachfrage nach Wohnraum ist unverändert hoch und dürfte auch angesichts der zahlreichen Flüchtenden aus der Ukraine weiter zunehmen. Bei dieser Gemengelage ist es umso bedeutsamer, dass ausreichend Wohnraum geschaffen wird.

Daher ist es sehr erfreulich, dass in Baden-Württemberg im Jahr 2021 so viele neue Wohnungen genehmigt wurden wie seit dem Ende der 90er Jahre nicht mehr. Nämlich 47.400 Wohneinheiten, das entspricht einem Plus von 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Es bleibt zu hoffen, dass die Beeinträchtigungen des Bausektors durch Materialknappheit und Fachkräftemangel überwunden werden können und dadurch der positive Trend bei der Erstellung von bezahlbarem Wohnraum nicht beeinträchtigt wird.

Hintergrund

Für den L‑Bank-ifo-Konjunkturbericht werden monatlich über 1.200 Unternehmen zu ihrer Einschätzung der aktuellen Geschäftslage sowie ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate befragt. An der L‑Bank‑GfK‑Verbraucherumfrage zur Ermittlung des Preis-, Konjunktur-, Einkommens- und Anschaffungsklimas beteiligen sich in der Regel rund 300 Privatpersonen. Für den L‑Bank‑Wohnungsbau‑Report wird die baden-württembergische Baubranche einmal im Quartal einer vertieften Analyse unterzogen.

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    Eingestellt am 16.04.2022
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