Interview mit Edith Weymayr

Konjunktur im Südwesten: Geopolitische Spannungen verschärfen die Lage

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LBank-ifo-Geschäftsklimaindex sinkt weiter und die bereits seit längerem anhaltende Phase einer insgesamt schwachen und anfälligen Konjunktur setzt sich fort.

LBank-Vorstandsvorsitzende Edith Weymayr: „Die geopolitischen Spannungen haben die ohnehin schlechte Stimmungslage zusätzlich belastet und sind für die Südwestunternehmen nach drei Rezessionsjahren in Folge ein weiterer Schlag. Der Irankrieg sorgt vor allem für neue Unsicherheiten bei den Energiepreisen und den internationalen Lieferbeziehungen – und diese Faktoren sind für viele baden-württembergische Unternehmen von zentraler Bedeutung. Das spiegelt sich in unserer Konjunkturumfrage vor allem in den deutlich eingetrübten Geschäftserwartungen wider."

Karlsruhe, 08.04.2026. Die konjunkturelle Stimmungslage in Baden-Württemberg hat sich im ersten Quartal 2026 weiter eingetrübt. Der L‑Bank-ifo-Geschäftsklimaindex ist von -12 Punkten zum Jahreswechsel auf nun -16 Punkte gesunken. Damit setzt sich die bereits seit längerem anhaltende Phase einer insgesamt schwachen und anfälligen Konjunktur fort.

Welche Rolle dabei externe Faktoren spielen und wie sich dies auf einzelne Wirtschaftssektoren und die Verbraucher auswirkt, ordnet Edith Weymayr, Vorstandsvorsitzende der L‑Bank, im Gespräch ein.

Frage: Frau Weymayr, die Konjunkturstimmung in Baden-Württemberg hat sich im ersten Quartal verschlechtert. Welche Rolle spielen dabei die jüngsten geopolitischen Turbulenzen – insbesondere der Irankrieg?

Antwort: Die geopolitischen Spannungen haben die ohnehin schlechte Stimmungslage zusätzlich belastet und sind für die Südwestunternehmen nach drei Rezessionsjahren in Folge ein weiterer Schlag. Der Irankrieg sorgt vor allem für neue Unsicherheiten bei den Energiepreisen und den internationalen Lieferbeziehungen – und diese Faktoren sind für viele baden-württembergische Unternehmen von zentraler Bedeutung. Das spiegelt sich in unserer Konjunkturumfrage vor allem in den deutlich eingetrübten Geschäftserwartungen wider. Viele Betriebe blicken noch pessimistischer auf die kommenden Monate, weil verlässliche Planungsgrundlagen fehlen. Besonders sichtbar wird diese Entwicklung derzeit interessanterweise auch im Einzelhandel. Dort ist das Geschäftsklima zuletzt sogar auf den tiefsten Stand seit Herbst 2022 eingebrochen.

Frage: Welche Rolle spielt dabei die Stimmungslage der baden-württembergischen Privathaushalte?

Antwort: Die Kampfhandlungen im Nahen Osten und die dadurch gestiegenen Energiepreise drücken tatsächlich bereits auf die Verbraucherstimmung. Benzin- und Dieselpreise an Tankstellen haben hier eine schnelle und starke Wirkung. Der L-Bank-GfK-Preisklimaindex hat im März den höchsten Stand seit fast drei Jahren erreicht. Das zeigt: Viele Haushalte rechnen in den kommenden Monaten mit einem weiteren und flächendeckenden Anziehen der Inflation. Diese Befürchtung hat sich im März auch bereits bewahrheitet: Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ist die Inflationsrate in Baden-Württemberg wegen der deutlich gestiegener Energiepreise sprunghaft von 1,8 auf 2,5 Prozent gestiegen. Die Entwicklung verdeutlicht, wie eng die Zusammenhänge sind: Geopoltische Entwicklungen wirken über die Preise direkt auf die Kauflaune – und damit auf einen zentralen Pfeiler der Binnenkonjunktur.

Frage: Ein weiterer wichtiger Faktor für die konjunkturelle Entwicklung ist der Zugang zu Finanzierungen, vor allem von Unternehmen. Wie stellt sich die Situation für Unternehmen derzeit dar?

Antwort: Die sogenannte Kredithürde – also der Anteil der Unternehmen, die Banken bei Kreditverhandlungen als restriktiv wahrnehmen – ist gegenüber dem Jahreswechsel nur minimal zurückgegangen und liegt mit 34 Prozent weiterhin auf einem Vergleich der letzten Jahre hohen Niveau. Dabei zeigt sich ein differenziertes Bild zwischen den Wirtschaftssektoren: Eine leichte Entspannung war zuletzt im Verarbeitenden Gewerbe zu beobachten, während Unternehmen aus dem Handel und dem Dienstleistungssektor von zunehmender Zurückhaltung der Banken berichten. Insgesamt bleibt der Zugang zu Krediten damit ein potenzieller Engpassfaktor, den es im Auge zu behalten gilt und dem man bankseitig weiterhin mit passgenauen Finanzierungsangeboten entgegentreten muss.

Frage: Zum Abschluss noch ein Blick auf den Wohnungsbau: Wie hat sich hier die Stimmungslage entwickelt und gibt es positive Signale für die Bauwirtschaft?

Antwort: Im Wohnungsbau hat sich die Stimmungslage in den letzten Monaten zumindest stabilisiert – wenn auch auf niedrigem Niveau. Zudem ist die Zahl der Genehmigungen für Neubauwohnungen im vergangenen Jahr erstmals seit 2021 wieder leicht gestiegen. Das sind durchaus ermutigende Zeichen, die aber auch nicht überinterpretiert werden sollten. Die Branche bleibt weiterhin in schwierigem Fahrwasser und die Unsicherheit ist durch den Irankrieg tendenziell wieder gestiegen. Sollten infolge der steigenden Inflation auch die Zinsen weiter und dauerhaft anziehen, könnte das den Wohnungsbau wieder belasten. Die jüngsten Lichtblicke sind also wichtig, sie stehen aber noch auf einem fragilen Fundament.

Hintergrund:

Für den L‑Bank-ifo-Konjunkturbericht werden monatlich über 1.200 Unternehmen zu ihrer Einschätzung der aktuellen Geschäftslage sowie ihren Erwartungen für die nächsten sechs Monate befragt. An der L‑Bank-GfK-Verbraucherumfrage zur Ermittlung des Preis-, Konjunktur-, Einkommens- und Anschaffungsklimas beteiligen sich in der Regel rund 300 Privatpersonen.

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  • Presseinformation: Konjunktur im Südwesten: Geopolitische Spannungen verschärfen die Lage

    L-Bank-ifo-Geschäftsklimaindex sinkt weiter und die bereits seit längerem anhaltende Phase einer insgesamt schwachen und anfälligen Konjunktur setzt sich fort.

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    Eingestellt am 08.04.2026
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